Das historische Rathaus Essen – Symbol der aufstrebenden Industriestadt
Am heutigen Standort des Geschäftshauses Markt 1 befand sich einst eines der prägendsten Gebäude der Essener Innenstadt: das historische Rathaus Essen. Der neugotische Bau, der zwischen 1878 und 1887 errichtet wurde, war über Jahrzehnte das politische Zentrum der Stadt und spiegelte den gewaltigen Wandel Essens von einer mittelalterlich geprägten Stadt zu einer modernen Industriemetropole wider.
Das Rathaus stand am Markt zwischen der Kettwiger Straße und dem heutigen Kennedyplatz, direkt gegenüber der Marktkirche. Hier befand sich über Jahrhunderte der Mittelpunkt des städtischen Lebens – ein Ort, an dem Handel, Verwaltung und gesellschaftliche Ereignisse zusammenkamen.
Vorgängerbauten am Essener Markt
Das historische Rathaus von 1878 war bereits der dritte Rathausbau an dieser Stelle. Der mittelalterliche Vorgänger aus dem 13. Jahrhundert war ein steinernes Gebäude mit markanten Staffelgiebeln und Figuren der Essener Stadtheiligen Cosmas und Damian an der Fassade.
Mit dem Wachstum der Stadt wurde dieses Bauwerk jedoch zu klein. Zwischen 1840 und 1842 entstand deshalb ein klassizistisches Rathaus nach Entwürfen des Architekten Carl Wilhelm Theodor Freyse.
Doch auch dieses Gebäude konnte den Anforderungen der schnell wachsenden Industriestadt bald nicht mehr gerecht werden. Durch den rasanten Aufstieg von Bergbau und Stahlindustrie, insbesondere durch die Expansion der Friedrich Krupp AG, stieg die Einwohnerzahl Essens innerhalb weniger Jahrzehnte stark an. Die Verwaltung benötigte mehr Platz, und ein repräsentativer Neubau wurde notwendig.
Bau des neugotischen Rathauses
Im Jahr 1874 schrieb die Stadt Essen einen Wettbewerb für einen neuen Rathausbau aus. Aus insgesamt 43 eingereichten Entwürfen entschied sich die Stadt schließlich für den Vorschlag der Essener Architekten Peter Zindel und Julius Flügge mit dem Titel „Industrie“.
Die Bauarbeiten begannen 1878 zunächst mit dem Süd- und Ostflügel, während das alte Rathaus noch weiter genutzt wurde. Schrittweise entstanden die weiteren Gebäudeteile. Nachdem der Vorgängerbau 1884 abgerissen worden war, konnte der Neubau vollständig fertiggestellt werden.
Mit der Fertigstellung des Turms und des Sitzungssaals im Jahr 1887 war ein beeindruckendes Gebäude entstanden, das dem Selbstbewusstsein der wachsenden Industriestadt entsprach.
Architektur und Ausstattung des Rathauses
Das Rathaus wurde im Stil der Neugotik errichtet und besaß eine markante Architektur mit zahlreichen historischen Gestaltungselementen. Besonders auffällig war der rund 54 Meter hohe Rathausturm mit seinem vierkantigen Turmhelm und den kleinen Ecktürmchen.
Im Inneren befanden sich repräsentative Räume wie der Sitzungssaal, der Ratskeller und verschiedene Verwaltungsbereiche. Der Sitzungssaal war besonders prachtvoll ausgestattet und zeigte unter anderem ein großes Wandgemälde des Düsseldorfer Malers Friedrich Klein-Chevalier, das den Besuch Kaiser Wilhelms II. gemeinsam mit Friedrich Alfred Krupp bei einer Stadtverordnetensitzung im Jahr 1896 darstellte.
Weitere Kunstwerke, historische Porträts, Glasmalereien und Skulpturen schmückten das Gebäude. Dazu gehörten unter anderem Darstellungen der Essener Stadtheiligen sowie bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Kirche und Wirtschaft.
Erweiterungen im frühen 20. Jahrhundert
Bereits wenige Jahrzehnte nach der Eröffnung reichte der Platz im Rathaus erneut nicht aus. Die wachsende Stadtverwaltung benötigte zusätzliche Räume, weshalb ab 1920 ein Erweiterungsbau an der Westseite des Rathauses entstand.
Der neue Gebäudeteil sollte die verschiedenen Verwaltungsbereiche zusammenführen und das Rathaus für die Anforderungen einer Großstadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern vorbereiten. Die Fertigstellung erfolgte schließlich 1924.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg hinterließ schwere Schäden am historischen Rathaus. Besonders die Luftangriffe des Jahres 1943 zerstörten große Teile des Gebäudes. Die Fassaden an Markt und Kettwiger Straße wurden beschädigt, der Rathausturm brannte aus und die Sitzungssäle waren nicht mehr nutzbar.
Nach Kriegsende musste die Stadtverwaltung zunächst auf andere Gebäude ausweichen. Ratssitzungen fanden unter anderem im Rathaus Kray und später im wiederaufgebauten Saalbau statt.
Wiederaufbau und Ende des historischen Rathauses
Zwischen 1946 und 1956 wurde das Rathaus wiederaufgebaut. Dabei orientierte man sich am ursprünglichen Gebäude, nahm jedoch einige Vereinfachungen vor. Besonders der Turm erhielt eine veränderte Form und wurde mit einer flacheren Dachkonstruktion versehen.
Trotz des Wiederaufbaus blieb das Gebäude nur wenige Jahre erhalten. In den 1960er Jahren wuchs Essen weiter und erreichte eine Einwohnerzahl von über 730.000 Menschen. Die Stadt benötigte ein modernes Rathaus, doch gleichzeitig wurde das Grundstück in zentraler Innenstadtlage für den Einzelhandel interessant.
1963 beschloss der Rat der Stadt den Verkauf des Rathausgrundstücks an den Wertheim-Konzern. Im Jahr 1964 wurde das Gebäude geräumt und anschließend abgerissen. Damit verlor Essen eines seiner bedeutendsten historischen Bauwerke.
An seiner Stelle entstand zunächst ein Wertheim-Warenhaus, später das heutige Geschäftshaus Markt 1.
Erinnerung an das historische Rathaus
Obwohl das Rathaus selbst nicht mehr existiert, lebt seine Geschichte im Stadtbild weiter. Der Standort am Markt gegenüber der Marktkirche erinnert bis heute an die einstige politische Mitte Essens.
Das historische Rathaus stand symbolisch für den Aufstieg der Stadt im Industriezeitalter. Es verkörperte den wirtschaftlichen Erfolg Essens, den Einfluss der Krupp-Industrie und den Wandel von einer kleinen Handelsstadt zu einer bedeutenden Großstadt des Ruhrgebiets.
Heute gehört die Erinnerung an das neugotische Rathaus zu den wichtigen Kapiteln der Essener Stadtgeschichte.
Die Marktkirche Essen – historisches Wahrzeichen am alten Markt
Mitten in der Essener Innenstadt steht die Marktkirche, eines der ältesten und bedeutendsten Bauwerke der Stadt. Direkt am historischen Markt gelegen, befand sich hier einst das wirtschaftliche, politische und religiöse Zentrum Essens.
Die ursprünglich romanische Kirche, die später teilweise im spätgotischen Stil wiederaufgebaut wurde, ist eng mit der Entwicklung der Stadt und der Reformation verbunden. Sie gilt als die erste evangelische Kirche Essens.
Ursprünge im Mittelalter
Die Geschichte der Marktkirche reicht vermutlich bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts zurück. Ihre erste urkundliche Erwähnung findet sich im Testament der Essener Äbtissin Theophanu, die bestimmte, dass zu ihrem Gedenken Kerzen „bei St. Gertrud“ entzündet werden sollten.
Die Kirche war der heiligen Gertrud von Nivelles geweiht und entstand wahrscheinlich um das Jahr 1043, als Essen durch die Verleihung des Marktrechts durch Kaiser Heinrich III. an Bedeutung gewann. Sie diente vor allem den Marktbesuchern und war Teil der kirchlichen Struktur des Essener Frauenstifts.
Im Mittelalter entwickelte sie sich zu einem wichtigen Mittelpunkt des Stadtlebens. Der Essener Stadtrat nutzte das Gotteshaus zeitweise als Versammlungs- und Wahlort. Die Bezeichnung Marktkirche ist bereits seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar.
Reformation und evangelische Tradition
Eine entscheidende Rolle spielte die Kirche während der Reformationszeit. 1543 besetzten Essener Bürger das Gotteshaus und forderten einen evangelischen Prediger. Am 28. April 1563 hielt Heinrich Barenbroch, der Reformator Essens, seine erste evangelische Predigt in der Stadt. Wenige Tage später wurde hier erstmals das Abendmahl nach evangelischem Verständnis gefeiert.
Nach einer kurzen Unterbrechung während der spanischen Besetzung im 17. Jahrhundert blieb die Kirche seit 1630 dauerhaft evangelisch und wurde zu einem wichtigen Symbol der protestantischen Stadtgeschichte.
Zerstörung und Wiederaufbau
Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche mehrfach verändert und renoviert. Im 19. Jahrhundert führten unter anderem Bergschäden durch den Steinkohlenbergbau zu baulichen Problemen.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Marktkirche bei Bombenangriffen weitgehend zerstört. Nach Kriegsende war zunächst ein Abriss geplant, doch durch den Einsatz des Essener Baudezernenten Sturm Kegel konnte ein Wiederaufbau erreicht werden.
Dabei entstand kein vollständiger Wiederaufbau des ursprünglichen Bauwerks. Die Kirche wurde deutlich verkleinert, Teile der historischen Substanz gingen verloren und auch der Turm wurde nicht in seiner alten Form wiederhergestellt. Ein Bronzerelief mit den apokalyptischen Reitern erinnert heute an die Zerstörung und den Neubeginn nach dem Krieg.
Die Marktkirche heute
Im Jahr 2006 wurde die Marktkirche durch den Architekten Eckhard Gerber modern ergänzt. Ein neuer Westchor aus blauem Glas verbindet die historische Architektur mit zeitgenössischer Gestaltung.
Heute ist die Marktkirche ein lebendiger Ort des Glaubens und der Stadtgeschichte. Gemeinsam mit dem Markt, der Kettwiger Straße und dem Standort des ehemaligen Rathauses bildet sie einen der wichtigsten historischen Bereiche der Essener Innenstadt.

